Herzfrequenz in Sport und Therapie – Teil 1: Wearables, Messwerte und Ableitungen

Inhalt

Wearables wie Smartwatches, Fitnesstracker und Gesundheits-Apps liegen im Trend und sind weit verbreitet. Verbraucher sind gesundheitsbewusster und suchen nach tragbaren Geräten, die ihnen einen Einblick in ihre Gesundheit und Fitness versprechen, einschließlich der Überwachung der Funktion des autonomen Nervensystems durch Messung der Herzfrequenz und deren Schwankungen in Ruhe, vor, während und nach körperlicher Belastung. 1 2

Sie sind einfach zu benutzen und erleichtern vorallem die Messung der Herzfrequenz. Damit können sie eine echte Unterstützung in der Belastungssteuerung von Training, Rehabilitation und im betrieblichen Gesundheitswesen sein.

Dabei ist jedoch zu bedenken, dass viele Hersteller nicht offenlegen, wie die angezeigten biometrischen Werte berechnet und Effekte auf Gesundheit, Fitness- oder Ermüdungszustand interpretiert werden. Es gibt keinen oder nur sehr begrenzten Zugang zu den tatsächlich gemessenen Rohdaten, was eine nachvollziehbare Auswertung und Überprüfung der Genauigkeit von Produkten erschwert. Aktuell sind weniger als 5% der durch Smartwatches und Wearables bereitgestellten biometrischen Daten validiert. Ganz zu schweigen von bisher fehlenden einheitlichen, standardisierten Validierungsverfahren, um Transparenz und Vergleichbarkeit für Verbraucher sicherzustellen. 3 4

Vor der Anschaffung ist weiter zu bedenken, dass einige abgeleitete Parameter (z. B. Erholung, Schlaf und Trainingsbereitschaft) keine physiologische und wissenschaftliche Grundlage haben. 5 6 Wenn man ihnen einen Nutzen zuschreiben möchte, ist es ihr (fragwürdiger) Unterhaltungswert.

Bei der Belastungssteuerung im professionellen Leistungsport wird daher die Interpretation und Auswertung der Daten aus Wearables

  • nach jeder Trainingseinheit mit der von Athleten empfundenen Anstrengung (engl. Rate of Perceived Exertion RPE) 7 8 und
  • 1-2x wöchentlich pro Woche durch Selbsteinschätzung mit einem Erholungs-Belastungs-Fragebogen 9 10 11

kombiniert. 12 13

Athleten und sportlich aktive Personen haben in der Regel ein gutes Körpergefühl bzw. Interozeption und können unter normalen Bedingungen eine akkurate Einschätzung ihrer Belastung und relevanter biometrischer Werte wie z.B. Herzfrequenz angeben. Unter trügerische Bedingungen, unter anderem während und nach Krankheiten (z.B. COVID-19, Long-COVID, CFD), können fehlerhafte Wahrnehmungen auftreten 1415 16 17.

Körperlich inaktive Personen verfügen dagegen über ein geringeres interozeptives Bewusstsein bzw. weniger gutes Körpergefühl. Sie müssen sich in ihrem Alltag auf falsches Feedback verlassen und erfahren so eine Illusion von stärkerer Anstrengung, und in Folge dessen schnellerer Ermüdung.18 19 20. Das Personen ihre körperliche Belastung überschätzen, ist nicht als Störung zu betrachten, sondern als überlebenswichtiger Schutzmechanismus gegen die Risiken übermäßiger Anstrengung zu verstehen 21 22.

Smartwatches und andere Wearables können für Personen mit Fehleinschätzungen ihrer Belastung das (Wieder-) Erlernen des realistischen Körpergefühls und Belastungsempfindens im Rahmen eines Biofeedback-Trainings beschleunigen, sofern eine hinreichende Genauigkeit gemessener Daten vorhanden ist.

Daher sollten Trainer und Gesundheitsdienstleister gemeinsam mit ihren Athleten oder Patienten überlegen, ob, wann und welche Parameter und welche Technologien zur Belastungssteuerung zielführend genutzt werden.

Abstände einzelner Herzschläge werden gemessen – alle anderen Werte sind abgeleitet.

Die Messung der zeitlichen Abstände aufeinanderfolgender Herzschläge, der sogenannten RR-Abstände, sind die Basis für Berechnung und Ableitung weiterer biometrischen Werte. Beispielsweise wird der Puls als durchschnittliche Anzahl der Herzschläge je Minute aus den RR-Abständen abgeleitet.

Abb. 1 Abstand RR zwischen 2 aufeinanderfolgende Herzschläge im Elektrokardiogramm (EKG) ist die  physiologische Basis für viele weitere herzfrequenz-basierende Werte. Die Erfassung der elektrischen Herzaktivität setzt heute einen Herzfrequnz- bzw. Brustgurt voraus. Optische Verfahren, etwa am Handgelen, können die elektrischen
Abb. 1 Abstand RR zwischen 2 aufeinanderfolgende Herzschläge im Elektrokardiogramm (EKG) ist die physiologische Basis für viele weitere herzfrequenz-basierende Werte. Die Erfassung der elektrischen Herzaktivität setzt heute einen Herzfrequnz- bzw. Brustgurt voraus. Optische Verfahren, etwa am Handgelen, können die elektrischen

Die Messung der RR-Abstände muss daher für die Ableitung weiterer biometrischen Werte hinreichend genau sein. Die notwendige Genauigkeit bestimmt den einzusetzenden Sensor. Für die meisten Ableitungen und Anwendungen mit geringer und moderater körperliche Aktivität reicht ein optischer Herzfrequenzsensor vollkommen aus 23.

Für einen vernünftigen Umgang mit Herzfrequenzschwankungen (heart rate variability; HRV) im Rahmen der Belastungssteuerung ist ein hohe Qualität der Ableitung von mit genauem zeitliche Abstand einzelner aufeinanderfolgender Herzschläge wichtig. Folglich sind elektrische Sensoren, wie z.B. Brustgurte von Polar (H9, H10 24 25 26 ), Garmin (HRM-Pro 27) oder Suunto (Smart 28), mit ihrer an klinische Elektrokardiogramme (EKG) heranreichenden Genauigkeit vorzuziehen – im Bereich der Leistungsdiagnostik, Biofeedback, Rehabilitation oder gar klinischen Umfeld sind sie zwingend erforderlich 29.

Die Messung und die nachfolgenden Ableitungen wird relativ bequem durch Smartwatches oder andere Wearables erledigt. Messungen können während dem Schlaf, nach dem Aufwachen, vor, während oder nach belastenden Tätigkeiten erfolgen. Das Ergebnis kann jeweils eine einfache Ableitung der mittleren Herzfrequenz (heart rate; HR) a.k.a. Puls oder eine etwas komplexere Berechnung zu Herzfrequenzschwankungen (heart rate variability; HRV) sein. Abbildung 2 zeigt Messung und Ableitung verschiedenen Ableitungen integriert in einen vereinfacht dargestellten Tagesablauf.

Abb. 2: Messung des RR-Abstand und abgeleitete Parameter im beispielhaften Tagesverlauf: In Ruhe, vor, während und nach Belastung.
Abb. 2: Messung des RR-Abstand und abgeleitete Parameter im beispielhaften Tagesverlauf: In Ruhe, vor, während und nach Belastung.

Im Teil 1 wird beschrieben,

  • WAS der einzige Messwert und wichtige Ableitungen sind.

In Teil 2 und 3

  • WANN sie bestimmt werden und
  • WIE sie interpretiert werden können.

Einen schnellen Überblick liefert Tabelle 1. Um kurzschlüssige Fehlinterpretationen zu vermeiden sollten die Hinweise im ausführlichen Teil beachtet werden.

Was Wann Wie
Ruhepuls Resting HR RHR Beim Aufwachen, in Ruhe Erhöhte RHR kann ein Anzeichen für schlechte Erholung, Müdigkeit oder Virusinfekt sein
Puls während Aktivität Exercise HR Response HREx Die Reaktion während belastender Aktivität Zeigt die Reaktion des Herzkreislaufsystems auf die Belastungsintensität der Aktivität in Sport und Arbeitswelt
Pulserholungsrate HR Recovery Rate HRR Wie schnell erholt sich die HR nach Beendigung der Aktivtät? Gibt Aufschluss über Ermüdung und Fitness
Herzfrequenzschwankungen Heart Rate Variability HRV zeitliche Schwankungen der Herzschläge höhere HRV = bessere Erholung und Fitness
Tab. 1: Aus dem RR-Abstand abgeleitete Werte mit Angabe der englischen Bezeichnung

Mittlere Herzfrequenz und Puls

Abb. 3: Mittlere Herzfrequenz (HR) und Puls
Abb. 3: Mittlere Herzfrequenz (HR) und Puls

Die mittlere Herzfrequenz (heart rate; HR) wird in der Umgangssprache oft als Puls bezeichnet. Sie berechnet sich relativ einfach aus dem arithmetische Mittelwert über alle RR-Abstände einer Messung und wird meist als Schläge (engl.: beats) pro Minute (bpm) angegeben. Sie ist der einzige physiologisch gemessene Wert, alle anderen Werte werden aus ihr abgeleitet.

HR=601000RR\overline{HR}=\frac{60\cdot 1000}{\overline{RR}}

Herzfrequenzschwankungen und -variabilität

Abb. 4: Herzfrequenzschwankungen und -variabilität (HRV)
Abb. 4: Herzfrequenzschwankungen und -variabilität (HRV)

Die Herzfrequenzschwankungen (heart rate variability; HRV) sind die unterschiedlichen zeitlichen Abstände zwischen zwei aufeinander folgende Herzschläge. Das Herz schlägt nicht immer im gleichen Abstand. Auf Belastungen und Reize reagiert das Nervensystem in unterschiedlicher Art und reguliert die Herzfrequenz entsprechend. Regulation beinhaltet auch sensorische Rückkopplung über die Herzfrequenz an das zentrale Nervensystem. Schwankungen der Herzfrequenz sind daher zugleich Output – sowohl im physiologischen als auch psychologischen Sinne – und Input 30.

Es gibt viele verschieden Werte die aus den Schwankungen abgeleitet werden können. Im Zusammenhang mit der Bewertung der Reaktion auf eine Belastung und Erholung scheint die Ableitungen im Zeitspektrum am Besten geeignet zu sein 31 32. Dabei ist die rMSSD (Root Mean Square of the Successive Differences) die am weitesten verbreitete 33 34.

rMSSD=1N1i=1N(RRi+1RRi)2rMSSD=\sqrt{\frac{1}{N-1}\cdot \sum{i=1}^{N}(RR{i+1}-RR_{i})^2}

Die rMSSD bewertet die zeitlichen Unterschiede zwischen aufeinanderfolgende Herzschläge bzw. benachbarten RR-Abständen 35. Sie ist ein direktes Maß für die Aktivität der parasymphatischen Fasern im Vagusnerv (10. Hirnnerv), deren Aktivität die Herzfrequenz verlangsamt 3637.

Daneben findet auch die einfache Standardabweichung aufeinander folgender RR-Intervalle (SDNN) Verwendung. Im Bereich der Wearables ist die Apple Watch ein Beispiel dafür 38 39 40.

SDNN=1N1i=1N(RRiRR)2SDNN=\sqrt{\frac{1}{N-1}\cdot \sum{i=1}^{N}(RR{i}-\overline{RR})^2}

Im Gegensatz zur rMSSD macht die SDNN eine weniger spezifische Aussage, da sie die Aktivierung des autonomen Nervensystem mit seinen parasymphatischen und sympathischen Anteilen als Ganzes misst. Der Vergleich von rMSSD und SDNN – oder der «HRV» von unterschiedlichen Wearables – ist daher nicht möglich 41. Genauso ist auch die immer wieder zu lesende Behauptung, die «HRV» sei ein Maß für den akut erlebten Stress Unsinn.

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Referenzen (.pdf)

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  4. Chen (2024), B1
  5. Lee, Lee, Cho, Kang & Choi (2025), S. 573
  6. Chen (2024), B1
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  8. Löllgen (2004), S. 299
  9. Kellmann (2000)
  10. Petrowski, Albani, Zenger, Brähler & Schmalbach (2021)
  11. Kellmann (2000a), S. 255
  12. Scantlebury, Till, Atkinson, Sawczuk & Jones (2017), S. 198
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  33. Malik et al. (1996), S. 355
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  37. Lundy-Ekman & Weyer (2022), S. 141, 143
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  39. Apple Inc. (2020), S. 2f.
  40. Malik et al. (1996), S. 355
  41. Malik et al. (1996), S. 355

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