1 Hintergrund
Anna ist eine 21-jährige Handballspielerin und hat bereits als Jugendliche auf höchstem Niveau des Frauenhandballs in ihrem Heimatland gespielt. Seit kurzem spielt sie in einem Verein der 1. Handball-Bundesliga der Frauen in Deutschland. Dieser Transfer bedeutete für sie den Beginn einer professionellen Laufbahn im Handball; in Bezug auf die Phasen einer Karriere im Sport, der Übergang in die Phase der Meisterschaft (Mastery).

Parallel zu ihrer Rolle als Rückraumspielerin im Handball – und den damit verbundenen Trainingsbelastungen – studiert sie bereits für mehr als 3 Semester Sportwissenschaften und verfolgt eine duale Karriere im Sport. Nach dem Transfer fühlt sich sich immensem Druck ausgesetzt. Der Übergang auf ein höheres Leistungsniveau, Umzug in eine andere Stadt, Wechsel der Uni und nicht zuletzt die akademischen Anforderungen aus ihrem Studium belasten sie. Ihr Verein kennt die Vorteile und Herausforderungen einer dualen Karriere im Sport. Der Trainerstab ermuntert Anna dabei diesen Weg zu beschreiten und empfiehlt eine professionelle Prozessbegleitung durch sportpsychologische Experten, deren erste Schritte hier beschrieben werden.
In einem Erstgespräch erwähnte Anna, dass sie das Gefühl hatte, dass ihre Leistungen auf dem Spielfeld, ihre akademischen Leistungen und ihre Schlafqualität im Moment leiden. Sie will »die Dinge in Ordnung bringen», damit sie sich darauf konzentrieren kann, in ihrer «neuen Welt» gute Leistungen zu erbringen. Obwohl sie während des größten Teils ihrer Jugend (Phase 2) eine erfolgreiche Spielerin war und die meisten Ziele erreicht hatte, die sie sich gesetzt hatte, hält Anna sich für eine «Versagerin», weil sie in den letzten 6 Monaten nicht viel erreicht habe. Zum Beispiel saß sie die meiste Zeit auf der Bank, anstatt in Spielen zu spielen; aus ihrer Perspektive, traut ihr Cheftrainer ihren Fähigkeiten nicht. Das Nachdenken über ihre Leistungen, welche Meinung andere über sie haben usw. hat Annas Selbstvertrauen und Konzentrationsfähigkeit verringert und ihr Angstniveau erhöht. Anna grübelt ständig über Fragen wie: «Was habe ich falsch gemacht», «Was kann ich für das Team tun?» und «Wie schaffe ich die nächsten Prüfungen an der Universität?».
2 Bedürfnisse und Ressourcen im Kontext von Annas dualer Karriere
Die anfängliche Analyse von Annas Bedürfnissen und vorhandener Ressourcen zur Bewältigung der Herausforderungen im Zusammenhang mit ihrer dualen Karriere fokussierte sich auf Einzelgespräche mit Anna als Klientin:
- präsentieren des Problems und der Veränderungen die Anna gerade erlebt. Erkunden ihres sportlichen Lebenslaufs, der familiären und sozialen Unterstützung die sie erfährt. Anna erkennt, dass sie bereits viele Lösungen für die Herausforderungen gefunden hat,
- Identifizierung von Verhaltensmustern und ermöglicht Anna, neue Muster zu entdecken und zu testen, d.h. Optionen zu finden, um den aktuellen Zustand aus eigener Kraft zu ändern,
- offene Fragestellungen helfen Anna andere/neue Perspektiven und Zusammenhänge zu erkennen,
- sammeln von Informationen über beteiligte Akteure und wichtige Bezugspersonen, auf der einen Seite Trainer, Team und Dienstleister, andererseits Dozenten und Tutoren an ihrer Universität.
Kurz darauf folgte ein Gespräch, wie Anna und ihr Cheftrainer die Situation derzeit sehen. Die Einbeziehung ihres Cheftrainers wurde mit ihrer ausdrücklichen Zustimmung von ihr durchgeführt. Das gemeinsame Gespräch zielte auch darauf ab, zwischenmenschliche Beziehungen und Zusammenhalt innerhalb des Kaders zu erfragen sowie relevante Akteure zu identifizieren, um Annas derzeitige Lage in einen Kontext zu stellen.
Es folgten lösungsorientierte Sitzungen, in denen Anna ermutigt wurde, herauszufinden, was sie am meisten schätzt und wie sie ihr Potenzial im Handball und im Leben ausschöpfen kann. Die Konzentration auf ihre erfolgreiche Sportgeschichte, erreichte Ziele, das Erkennen und Entwickeln von Ressourcen. Die Absicht war es,
- Annas Bewusstsein zu stärken, dass sie über alle Ressourcen verfügt, die sie benötigt, um ihre Ziele in einer dualen Karriere im Sport zu erreichen,
- sie über die Möglichkeiten der ganzheitlichen Belastungsteuerung und Periodisierung zu informieren. Beispielsweise die akademische Belastung in Perioden hoher Wettkampfbelastung in Absprache mit der Universität zu reduzieren und umgekehrt ¨spielfreien Perioden mehr in das Lernen zu investieren.
Bei dieser Vorgehensweise finden Diagnose und Coaching-Massnahme spiralförmig innerhalb derselben Sitzung statt.
Um Vertrauen aufzubauen, war der sportpsychologische Experte während Wettbewerben und Trainingseinheiten anwesend. Dies unterstützte auch, die Anforderungen auf Annas Spielposition im Handball besser zu verstehen, zu beobachten wie sie mit ihrer Umgebung interagiert, wie sie sich verhält und Bewältigungsstrategien in einer bestimmten Situation findet. Diese Informationen waren nützlich, um weitere Gespräche zu leiten, z. B. eine bestimmte Situation nachzustellen und Anna zu ermutigen, andere Perspektiven und Lösungen zu erkunden. Anna verriet, dass sie Schwierigkeiten mit Veränderungen in ihrer Rolle im neuen (1. Liga) Team hat. Sie war es gewohnt, eine Hauptrolle zu spielen und in letzter Zeit konnte sie diese Rolle auf dem Spielfeld nicht erfüllen (die nur von ihr selbst gefordert wird). Anna ist ausgesprochen hilfsbereit; «Ich kann zu niemandem nein sagen». Um beim Zeitmanagement besser zu werden engagierte sie daher einen Life-Coach. Dies war jedoch kontraproduktiv, da dieser Coach isoliert vorging und eine Abstimmung mit den Trainingsbelastungen im Kader und der Uni fehlte. Anna war daher oft müde und in Kombination mit ihrer intensiveren Arbeitsbelastung im Studium nicht in der Lage die im Training geforderten Leistungen zu erfüllen. Zudem versucht Anna viel selbst zu lösen. Sie ist zu stolz, um um Hilfe zu bitten; entweder im Sport oder in der Universität.
3 Arbeitshypothese
Die negative Interpretation und Beurteilung ihrer Leistungen in ihrem neuen Team führt zu weniger Engagement und Selbstvertrauen. Sie interpretiert die Handlungen ihres Cheftrainers als nicht unterstützend, obwohl er tatsächlich Annas langfristige Entwicklung vor die kurzfristige Leistung auf einem neuen Liganiveau und dem damit einhergehenden Verletzungsrisiko priorisiert. Eine nachhaltige Strategie die beständige Leistungsentwicklung, Gesunderhaltung und allgemeines Wohlergehen einer jungen Spielerin, wie Anna, sicherstellen soll.
Auf dem Spielfeld denkt sie mehr über ihre akademischen Anforderungen nach, anstatt im Moment zu sein und ihre Aufmerksamkeit und Konzentration auf der aktuellen Spielhandlung zu halten.
Häufigen Grübeln führt zu einer unspezifische Stressreaktion, eine geringere Schlafqualität und -dauer, gefolgt von geringer Energieverfügbarkeit für Handball und Studium. Das wird verstärkt durch die Unentschlossenheit darüber, «Welche Aufgabe im Sport oder in Studium wichtiger sind?», unzureichendes Zeitmanagement und das sie verfügbare Unterstützung nicht nutzt.
4 Rahmen und Intervention
Basierend auf dem ersten Interview und einer Bedarfsanalyse sollte ein interdisziplinäres Interventionsprogramm speziell auf die Punkte eingehen, die Probleme im Rahmen der dualen Karriere verursachen. Der Lösungsansatz ist in 3 Teile gegliedert:
- Stärken im Kontext von Herausforderungen identifizieren und bewusst wahrnehmen,
- neue/andere Perspektiven auf das Verhalten ihrer Trainer und ihr eigenes entdecken,
- autonome Entwicklung ganzheitlicher Periodisierung und Zeitmanagement, während sie relevante Akteure helfen lässt.
Der erste Teil informierte Anna über die Facetten einer dualen Karriere im Sport und die Möglichkeiten der Periodisierung und Belastungssteuerung. Der Erfahrungsaustausch zu Herausforderungen einer dualen Karriere mit anderen Spielerinnen, auch aus dem Fussball, half ihr zusätzlich neue Möglichkeiten und Lösungen für sich zu erkunden.

Ein weiteres Ausbildungsthema zusammen mit dem Neuro-Athletiktrainer des Teams war die Schlafhygiene und das Erlernen einer langsamen kontrollierten Atmung (Slow Paced Breathing; SPB) um Erholung, Erregungsregulation und emotionale Intelligenz zu verbessern. Die Nutzung von herzfrequenzbasierten Werten erwies sich als förderlich für die Akzeptanz von Anna, ihre Smartwatch auch Nachts zu tragen, vermutlich auch aufgrund ihres Studiums der Sportwissenschaften und ihres besonderen Interesses an der Regulation des psycho-physischen Zustands von Sportlern.
Während der Sitzungen entwickelte Anna ihre persönliche Perspektive auf eine ganzheitliche Trainings- und Belastungssteuerung auf lange Sicht, d.h. die Anpassung und Priorisierung von Sport und Bildung an den Wettkampfplan ihres Teams, ohne die akademischen Anforderungen einer dualen Karriere zu vernachlässigen. Sie erkannte, dass nur parallele und konvergente Wege mit ihren Zielen vereinbar sind und akzeptiert die hohen Anforderungen, die sich daraus ergeben.
Da Anna sich ihrer Stärken und Schwächen sowie erfolgversprechender Lösungswege bewusst war,
- suchte sie jetzt die Hilfe der Fakultät. Die Uni fördert Spitzensportler und erlaubt diesbezüglich z.B. etwas Spielraum bei der Präsenzpflicht und beim Verschieben von Prüfungszeiten.
- sollte sie ihre Fähigkeiten und Ressourcen für die Bewältigung der Herausforderungen einer dualen Karriere im Sport im Rahmen einer SWOT-Analyse festhalten, um sie im Gedächtnis zu sichern und ihr Selbstvertrauen zu stärken. Sie entdeckte unteranderem, dass es nicht neu für sie, von zu Hause und den Eltern weg zu sein, Forderungen von der Schule und ihrem Sport zu haben.
Der zweite Teil der Intervention stellt Annas Ansicht in Frage: «Mein Trainer vertraut mir nicht, weil ich ein Versager bin». Anna wird die Hypothese angeboten, dass ihr Trainer erkennt, dass sie jung und fähig ist und langsam an die physiologischen und psychologischen Anforderungen auf der neuen Spielebene im Handball herangeführt wird, um Überlastungen und Verletzungen zu vermeiden. Der Trainer priorisiert die langfristige Entwicklung von jungen Spielerinnen und setzt Anna daher nur in ausgewählten Situationen in Konkurrenz, die für ihr Lernen und ihre Entwicklung förderlich sind.
Annas Aufgabe war es, die Hypothese im Zusammenhang mit den bevorstehenden Trainings- und Wettkampfblock zu verwenden und später zu berichten, was passiert ist. Infolgedessen sah Anna ihre Rolle im Team und das Verhalten des Cheftrainers ihr gegenüber aus einer neuen Perspektive. Dies bereitete den Weg für den nächsten Teil der Intervention vor, d.h. um ihren Cheftrainer um Hilfe zu bitten, um die Periodisierung des Sports mit dem akademischen Zeitplan in einem ganzheitlichen Belastungsmanagement zu synchronisieren, um Annas Leistung und Wohlbefinden zu gewährleisten.
Der dritte Teil befasst sich mit der Trainingsplanung und -steuerung, das Anna als angehende Sportwissenschaftler mit offensichtlicher Freude aufnahm. Sie wendet sich an ihren Trainer und an ihren Tutor an der Fakultät, um einen «Saison- und Semesterkalender» zu entwerfen und akademische Aufgaben und Sport zu priorisieren. Sie entdeckte durch ihren Tutor, dass die Prüfungstermine oder der Prozentsatz der Anwesenheit an der Fakultät sehr flexibel gehandhabt werden konnten, was ihr ermöglichte, für längere Zeitabschnitte den Sport zu priorisieren.
Basierend auf diesem selbständig erstellten Saison- und Semesterkalender, den ihr Cheftrainer als individuellen Makro- und Meso-Zyklus ansah, plante sie die Struktur eines individuellen Mikrozyklus, indem sie die Anforderungen der Fakultäten und die Trainingseinheiten in einen wöchentlichen Kalender integrierte. Sie versuchte die Konflikte durch die doppelte Belastung in ihrer dualen Karriere weitestgehend zu reduzieren. Abschliessend legte sie ihren Vorschlag für den Makro, Meso- und die prinzipielle Struktur des Mikrozyklus im Rahmen einer Besprechung dem Verein und Fakultät vor. Den sportpsychologischen Experten bat sie die Besprechung zu moderieren.
Das Erreichen einer Vereinbarung, mit realistischer Zielen und einem gut ausbalancierten Belastungen im Rahmen ihrer dualen Karriere machte sie stolz und stärkte ihr Selbstvertrauen; gleichzeitig nahmen Grübeln und Angst deutlich ab, die Schlafqualität und das Energieniveau stiegen. Letzteres wurde vom Neuro-Athletiktrainer des Teams auf der Grundlage von Spielerprofilen unter Verwendung von herzfrequenzbasierten Werten bestätigt.