Athleten-zentriert und interdisziplinär zum Erfolg.

Inhalt

1. Leistung im Sport ist komplex.

Die sportliche Leistung von Athleten in Training und Wettkampf wird durch ein komplexes Zusammenwirken unterschiedlicher körperlicher Leistungsfaktoren und Funktionseinheiten der psychischen Handlungsregulation bestimmt 1 2 3. Dazu gehören unter anderem

Leistungsanforderungen im Sport (SOLL) und aktueller Leistungsstand (IST) am Beispiel einer Muay Thai Kämpferin
Leistungsanforderungen im Sport (SOLL) und aktueller Leistungsstand (IST) am Beispiel einer Muay Thai Kämpferin

Alle Faktoren ergänzen einander und tragen ganzheitlich zu Zielerreichung und Erfolg einer Athletin bei. Anstelle isolierter MULTIfaktorieller Betrachtung sollte eine integrierte INTERfaktorielle bzw. INTERdisziplinäre Zusammenarbeit treten 22.

Ein Beispiel ist die wirksame Ausführung gerader Faustschlägen in vielen Kampfsportarten. Wirksam meint mit höchstmöglicher Schlagpräzision und maximaler Explosivität die Gegnerin zu treffen. Auch wenn die Athletin eine die Technik für gerade Faustschläge mit hoher Präzision sehr gut beherrscht, bleibt die Aktion relativ wirkungslos, da er nicht mit der optimalen Kombination von Kraft F und Schnelligkeit v, d.h. Leistung P und während der Zeit t im Treffpunkt umgesetzte Energie E, geführt wurde.

In diesem Beispiel wird deutlich, wie wichtig die Integration von spezifischen Konditionstraining in den Trainingsplan wird. Noch mehr Zeit in die ohnehin schon hoch ausgeprägte Technik zu investieren entwickelt die Athletin nicht wirklich weiter. Isoliertes Vorgehen in einzelnen Disziplinen und durch die einzelnen Trainer und Experten führt im Sport – und nicht nur dort! – grundsätzlich zu suboptimaler Performance!

Interdisziplinäres Vorgehen hingegen, kombiniert und integriert die verschieden Leistungsfaktoren um die Erfolgsaussichten einer Athletin effizient zu erhöhen.

2. Athleten-zentriertes Vorgehen

Ein interdisziplinärer Ansatz schafft eine athleten-zentrierte Ausrichtung aller Trainings- und Betreuungsmassnahmen, bei dem alle Trainer und Experten ihr Wissen und ihre Fachkenntnisse auf die gemeinsame Ziele ausrichten und kombinieren 23.

Einflussfaktoren auf die Erfolgsaussichten der Athletin
Einflussfaktoren auf die Erfolgsaussichten der Athletin

Die Athletin steht im Mittelpunkt aller Trainings- und Beeinflussungsmassnahmen, der von allen Beteiligten verfolgt wird. Schliesslich ist jede Athletin anders und hat unterschiedliche Ziele und Bedürfnisse.

Indem alle Trainer, Betreuer und Beteiligten auf die gemeinsamen Ziele fokussieren werden Training und Wettkampfleistung der Athletin erfolgsorientiert geplant und gesteuert. Das Ergebnis ist eine ganzheitliche Leistungsverbesserung und -stabilisierung; die Erfolgsaussichten im Sport steigen erheblich.

3. Von «Multi» zu «Inter» Disziplinär

In der Praxis gehen die unterschiedlichen Trainer, Betreuer und Dienstleister unabhängig voneinander vor und reden nicht miteinander. Es findet keine gemeinsame Ausrichtung auf übergeordnete Ziele und Bedürfnisse der Athletin statt 24 25.

Multidisziplinärer und isolierter Ansatz
Multidisziplinärer und isolierter Ansatz

Nachdem ein «Problem« in der aktuellen Leistungsfähigkeit erkannt wurde analysieren die einzelnen Disziplinen getrennt voneinander, was die Ursache sein könnte. Dabei betrachten sie die Problemstellung häufig nur aus der Perspektive ihrer Wissensgebiets und vernachlässigen die ganzheitliche Sicht, um die Komplexität zu reduzieren.

Beispielsweise ist eine Stürmerin in der zweiten Halbzeit nicht mehr in der Lage ihre normalerweise herausragende Höchstgeschwindigkeit in langen Läufen mit hoher Geschwindigkeit (High Speed Runs, HSR) über die Flügel zu zeigen.

  • Taktik-Coach und Analyst überlegen ob möglicherweise ihr «Pacing» nicht gut ist,
  • Konditionstrainer identifizieren eine mangelnde lokale Schnellkraftausdauer,
  • Sportpsychologen und Mentaltrainer meinen einen Mangel an Antrieb und Motivation zu erkennen und
  • Ernährungsberater führen den Leistungseinbruch auf falsche Ernährung vor dem Spiel zurück.

Jeder hat eine eigene Meinung zur Ursache des Problems und entwickelt darauf basierend eine Lösung in der jeweiligen Disziplin. Diese Lösungen werden in Trainingsmassnahmen – oft ohne inhaltliche Verbindung zu den anderen Lösungen – umgesetzt. Jeder verfolgt eigene Ziele innerhalb seiner Wissensdisziplin und alle laufen in unterschiedliche Richtungen weg und die Komplexität des ursprünglichen Problems erhöht. Ziele und Bedürfnisse der Stürmerin sind fachspezifischen Zielen und Ego der handelnden Personen zum Opfer gefallen.

Deutlich besser und in Bezug auf die Erfolgsaussichten einer Athletin ausgerichtet, ist ein INTERdisziplinäres Vorgehen 26.

Interdisziplinäres und integriertes Vorgehen erhöhen die Erfolgsaussichten erheblich
Interdisziplinäres und integriertes Vorgehen erhöhen die Erfolgsaussichten erheblich

Ausgehend von der sportlichen Aufgabe, deren Leistungsanforderungen, der aktuellen Leistungsfähigkeit bzw. der aktuellen Problemstellung der Athletin passen sich Training und andere Dienstleistungen entsprechend an. Training ist daher immerADAPTIV 27 28.

Nach der spezifischen Problemanalyse in den einzelnen Disziplinen, tauschen sich Trainer, Betreuer und Dienstleister über ihre Interpretation und mögliche Lösungen aus. Sie orientieren sich am gemeinsamen Ziel, das zuvor von der Athletin gesetzt wurde und entwickeln eine ganzheitliche Trainingsmassnahme die alle Aspekte berücksichtigt und integriert 29. Das führt zu

  • wirksam verbesserten Erfolgsaussichten und
  • weniger Kosten für die Athletin.

Mit Kosten meinen wir unter anderem Trainingszeit. Integrative Massnahmen verursachen keine oder kaum «Extra-Kosten», ihre Inhalte werden weitgehend in den ohnehin stattfindende Trainingseinheit umgesetzt. Dadurch wird muss aus wirtschaftlichen Überlegungen nicht auf wirksame Trainingsmassnahmen verzichtet werden 30. Die Herausforderung liegt im gestiegenen Aufwand für Kommunikation und dem Aufrechterhalten der Einstellung, dass alle Disziplinen gleichwertig sind. Kein Trainer ist wichtiger als der andere.

4. Zusammenfassung

Athleten haben sehr unterschiedliche technisch-taktische, psychologische und motorische Fähigkeiten, die sie voneinander unterscheiden. Die unterschiedlichen Trainer, Betreuer und Dienstleistern, die Leistung und Erfolg von Athleten beeinflussen, sollten daher interdisziplinär Zusammenarbeiten.

Integrative und adaptive Lösungen und Trainingsmassnahmen können so zeitsparend und erfolgversprechend auf die individuellen Bedürfnisse jedes Athleten abzielen 31.

Adaptive Lösungen berücksichtigen die sportartspezifischen Anforderungen und die individuelle Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit von Athleten und bringen Athleten und auch Teams ihren Zielen schneller näher und steigern deren Erfolgsaussichten.

Damit dies gelingt müssen alle Beteiligten sich an einem gemeinsamen Ziel orientieren und je nach Trainingsphase in der Saison akzeptieren, dass sie mehr oder weniger «wichtig» sind. Sonst droht der Rückfall in ein isoliertes multidisziplinäres Vorgehen, dass eher den persönlichen Interessen der Beteiligen gilt als der Frage

«Was ist das Beste für Erfolg und Wohlbefinden der Athletin?»

5. Referenzen

Bompa, T. O. & Haff, G. (2009). Periodization: theory and methodology of training (5th ed.). Champaign, IL: Human Kinetics. https://doi.org/10.5040/9781718225435

Büsch, D., Schorer, J. & Raab, M. (2017). Taktik und Taktiktraining (Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport). In K. Hottenrott & I. Seidel (Hrsg.), Handbuch Trainingswissenschaft – Trainingslehre. Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport (S. 291–302). Schorndorf: Hofmann.

Falkenberg, F., Coyne, J. & Amasinger, D. (2021). Section 20: Athlete Monitoring & Decision Making. In UFC Performance Institute (Hrsg.), A Cross-sectional Performance Analysis and Projection of the UFC Athlete (Band 2, S. 174–175). Las Vegas, NV & Shanghai: UFC Performance Institute.

French, D. N. (2021). Section 13: The Interdisciplinary Approach: Vertical Integration. In UFC Performance Institute (Hrsg.), A Cross-sectional Performance Analysis and Projection of the UFC Athlete (Band 2, S. 134–137). Las Vegas, NV & Shanghai: UFC Performance Institute.

Haase, H. & Hänsel, F. (1995). Psychologische Leistungsförderer – zum Einfluss psychologischen Trainings auf die sportliche Leistung. Leistungssport, 25(2), 32–38.

Hottenrott, K. (2017). Ausdauer und Ausdauertraining (Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport). In K. Hottenrott & I. Seidel (Hrsg.), Handbuch Trainingswissenschaft – Trainingslehre. Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport (S. 137–170). Schorndorf: Hofmann.

Klee, A. (2017). Beweglichkeit und Beweglichkeitstraining (Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport). In K. Hottenrott & I. Seidel (Hrsg.), Handbuch Trainingswissenschaft – Trainingslehre. Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport (S. 225–239). Schorndorf: Hofmann.

Kratzer, H. (1989). Beeinflussungskonzeptionen in der sportpsychologischen Betreuung von Sportlern. Theorie und Praxis des Leistungssports, 27(5), 126–149.

Prieske, O., Krüger, T. & Granacher, U. (2017). Schnelligkeit und Schnelligkeitstraining (Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport). In K. Hottenrott & I. Seidel (Hrsg.), Handbuch Trainingswissenschaft – Trainingslehre. Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport (S. 205–224). Schorndorf: Hofmann.

Seidel, I. (2017). Struktur und Prognose der sportlichen Leistung (Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport). In K. Hottenrott & I. Seidel (Hrsg.), Handbuch Trainingswissenschaft – Trainingslehre. Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport (S. 62–76). Schorndorf: Hofmann.

Wank, V. (2017). Kraft und Krafttraining (Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport). In K. Hottenrott & I. Seidel (Hrsg.), Handbuch Trainingswissenschaft – Trainingslehre. Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport (S. 171–204). Schorndorf: Hofmann.

Wiemeyer, J. & Wollny, R. (2017). Technik und Techniktraining (Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport). In K. Hottenrott & I. Seidel (Hrsg.), Handbuch Trainingswissenschaft – Trainingslehre. Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport (S. 263–290). Schorndorf: Hofmann.

Fußnoten

  1. Seidel (2017), S.62ff.
  2. Bompa & Haff (2009), S. 31ff.
  3. French (2021), S. 134ff.
  4. Wiemeyer & Wollny (2017), S. 263f.
  5. Büsch, Schorer & Raab (2017), S. 291
  6. Bompa & Haff (2009), S. 31ff.
  7. Bompa & Haff (2009), S. 61ff., 66ff.
  8. Klee (2017), S. 225
  9. Prieske, Krüger & Granacher (2017), S. 205f.
  10. Wank (2017), S. 171ff.
  11. Hottenrott (2017), S. 137
  12. Bompa & Haff (2009), S. 58ff.
  13. Stein & Hossner (2017), S. 240
  14. Kratzer (1989), S. 131
  15. Kratzer (1989), S. 131
  16. Hacker & Sachse (2014), S. 42f.
  17. Kratzer (1989), S. 131
  18. Hacker & Sachse (2014), S. 42f.
  19. Kratzer (1989), S. 131
  20. Hacker & Sachse (2014), S. 41f.
  21. Kratzer (1989), S. 131
  22. French (2021), S. 134ff.
  23. French (2021), S. 134ff.
  24. Kratzer (1989), S. 131
  25. French (2021), S. 134ff.
  26. French (2021), S. 134ff.
  27. Kratzer (1989), S. 131
  28. Falkenberg, Coyne & Amasinger (2021); S. 174f.
  29. Kratzer (1989), S. 130
  30. Haase & Hänsel (1995), S. 33
  31. Kratzer (1989), S. 130f.

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